© René Bieri Photo 

Bootsreise zu den Kriegspferden von Dibru Saikhowa

Reisen mit Bus, Motorrikscha und Boot gehören zum Alltag im Nordosten Indiens. Dabei

kommen Pünktlichkeit und Komfort oft zu kurz, weil sich die Infrastruktur nicht mit westlichen Standards vergleichen lässt.

Ramesh, der einheimische Bootsführer flucht. Erneut ist der zwölf Meter lange Holzkahn auf Sand

gelaufen. Um einen Schaden am alten Dieselmotor zu vermeiden, muss das historische Gerät

umgehend gestoppt werden. Innerhalb von zwei Stunden ist dies bereits der dritte Zwischenfall auf

der Bootsfahrt zu den sagenumwobenen «Wildpferden» von Dibru Saikhowa.

 

Eine besondere Geschichte

Selbst für den ortskundigen Bootsführer scheint es extrem schwierig zu sein, die optimale Fahrrinne

im Flusslauf des Dibru River aufzuspüren. Ramesh beordert zwei der mitfahrenden Jungs ins Wasser

zu springen um das Boot wieder fahrtüchtig zu machen.

 

Die «Wildpferde» im nordostindischen Nationalpark haben ihre ganz besondere Geschichte und

zählen deshalb auch zu den Sehenswürdigkeiten von Dibru Saikhowa. Während des zweiten

Weltkriegs, zur Zeit des Baus der legendären Stilwell Road (1943/44), verfügte die britische Armee

über verschiedene Militärcamps in der Region von Tinsukia. Dort hielten sie auch Militärpferde,

welche hauptsächlich für Logistikaufgaben eingesetzt wurden.

 

Dem Schicksal überlassen

Nach Kriegsende kehrten die Briten schnell und nur mit dem Notwendigsten nach Grossbritannien

zurück. Aus diesem Grunde überliessen sie die Pferde ihrem Schicksal in der Wildnis Nordostindiens. Das schwere Erdbeben von Assam mitte August 1950 führte zu vielen Geländeverschiebungen im Bereich des Brahmaputra Rivers, wodurch die ausgewilderten Tiere mehrheitlich vom Festland abgetrennt wurden.
 

Nun leben die ehemaligen Kriegspferde bereits seit über 65 Jahren auf dem Gebiet des Dibru

Saikhowa Nationalparks. Die heute rund 40 bis 50 Tiere bewegen sich in Kleingruppen im östlichen

Teil des weitläufigen Schutzgebietes und sind äusserst menschenscheu.

 

Reise mit Hindernissen

Inzwischen ist es den beiden Bootsjungen gelungen, den Kahn aus seiner ungemütlichen Situation

zu befreien. Pulakesh, der Tourguide, darf sich entspannen: Endlich kann die Exkursion weitergehen.

Einiges war in den letzten 24 Stunden nicht nach Plan verlaufen: Die im Ort Namsai gebuchte

Unterkunft war bei der Ankunft bereits besetzt und er musste für seinen westlichen Gast eine

Notschlafstelle für die Nacht organisieren.

 

Auch bezüglich Abendessen war Improvisation gefragt: wieder einmal Garküchenverpflegung! Zu

allem Übel verzögerte sich am Morgen die Abfahrt nach Dhola, dem Ausgangspunkt der Bootsfahrt,

da der Fahrer verschlafen hatte. Doch nun tuckert das Boot wieder gemütlich vor sich hin und es

besteht eine reelle Chance, den Biwakplatz noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen.

 

Gefürchtete Bodenerosion ist sichtbar

Vom Wasser aus kann die gefürchtete Bodenerosion entlang dem Flussufer beobachtet werden.

Immer wieder stürzen Teile des fruchtbaren Bodens in die Fluten des Dibru Rivers. Dieses Phänomen

bereitet vielerorts in Assam grosse Probleme, speziell entlang den Ufern des Brahmaputra.

So soll sich beispielsweise die Fläche der riesigen Flussinsel Majuli seit 1950 von 1246 Km2 um mehr als die Hälfte verringert haben. Auch eine ansehnliche Zahl der berühmten Vishnuiten-Klöster auf Majuli ist Opfer der Bodenerosion geworden.

 

Nachtbiwak auf der Insel

Nun steuert Ramesh das Holzboot auf eine kleine, karge Insel zu. Hier ist das Nachtbiwak geplant.

Alles muss schnell gehen: Kahn festzurren, Gepäck ausladen, Zeltblachen fürs Lager installieren und

eine Feuerstelle einrichten. Nach kurzer Zeit brutzeln zwei mitgebrachte Hühner über dem Lagerfeuer.

Die Bootsjungen arbeiten äusserst effizient. Sie scheinen nicht zum ersten Mal eine solche Tour zu

begleiten. Auf jeden Fall schmeckt das Nachtessen top und bald schon schlüpfen alle erschöpft in

ihre Schlafsäcke. Bereits um 05:00 Uhr soll wieder Tagwache sein!

 

Belohnte Strapazen?

Hauptziel des neuen Tages ist das Aufspüren der «Wildpferde». Hektisch wird zusammengepackt

und mit dem Boot zum andern Ufer gewechselt. Dann geht’s zu Fuss weiter. Das Gelände ist

steppenartig, durchsetzt mit einzelnen Baumgruppen.

 

Zwar haben die Pferde ihre bevorzugten Weideplätze, doch das Gebiet ist weitläufig und die Tiere

sind immer in Bewegung. Es besteht keine Garantie, dass man sie überhaupt je zu sehen bekommt.

Nach einer Stunde sinkt die allgemeine Stimmung, denn bis anhin wurden weder Pferde, noch

Spuren von ihnen gefunden.

Wildpferde dürfen nicht aufgschreckt werden

Die Boys klettern auf Bäume um den Horizont abzusuchen. Da, ein Ruf! Zwei Kilometer östlich haben

sie eine Herde gesichtet. Alle schöpfen wieder Mut und machen sich erwartungsvoll auf den Weg.

Die Leitung hat jetzt der lokale Guide übernommen, denn die «Wildpferde» dürfen keinesfalls

aufgeschreckt werden.

 

Endlich ist es soweit: direkt vor der Gruppe weiden rund zwölf Tiere. Doch bereits nach wenigen

Augenblicken kommt Bewegung in die Herde. Die Pferde haben die fremden Eindringlinge gewittert

und ergreifen die Flucht. Von nun an heisst es mehrmals suchen, heranpirschen, geniessen.

 

Ein einzigartiges Erlebnis

Irgendwann jedoch realisieren die Tiere, dass ihnen von den Fremden keine Gefahr droht und sie

beruhigen sich. Ein herrliches Bild: jetzt kann entspannt beobachtet und fotografiert werden.

Resümee: ein einzigartiges Erlebnis und eine erfolgreiche Exkursion. Kurz nach Mittag wird das Boot

klargemacht und die vierstündige Rückreise nach Dhola angetreten. Morgen hat der Nationalpark

noch weitere Sehenswürdigkeiten zu bieten.

 

Highlight Dibru Saikhowa

Der Dibru Saikhowa Nationalpark liegt im äussersten Nordosten des Bundesstaates Assam und

verfügt über eine Kernzone von rund 340 Quadratkilometern (eine Totalfläche von 765 Km2 ist als offizielle Biosphären-Zone deklariert). Das landschaftlich attraktive Gebiet ist von den Flüssen Brahmaputra, Dibru und Lohit River umgeben.

 

Im Sommer, während der Monsunzeit, werden Teile des Territoriums durch das Anschwellen der

Flussläufe überflutet. In der übrigen Zeit winden sich einzelne Wasserarme durch den von tropischen

Wäldern, Sumpf- und Grasgebieten beherrschten Park. Das Schutzgebiet ist für seine grossen

Populationen asiatischer Elefanten und wilder Wasserbüffel bekannt.

 

Der bengalische Tiger ist kaum sichtbar

Auch der bengalische Tiger lebt in diesem Reservat, ist jedoch für Besucher kaum je zu sichten.

Direkt angrenzend zum Park befinden sich die Feuchtgebiete von Maguri-Motapung Beel, welche

insbesondere für Ornithologen ein echtes Highlight darstellen (Zugang via Guijan Ghat, zehn

Kilometer von der Stadt Tinsukia entfernt).

 

GUT ZU WISSEN

Anreise: Flug via Kolkata (oder Delhi) nach Dibrugarh im indischen Bundesstaat Assam. Wer die

Route über Kalkutta wählt, sollte es nicht verpassen bei der Rückreise einen Aufenthalt in der

pulsierenden Hauptstadt Westbengalens einzuplanen.

Optimale Reisezeit: November bis April

Unterkünfte: Die Hotels vermögen in Nordostindien mehrheitlich nicht westlichen Standards zu

genügen (Ausnahme in Städten und im Kaziranga Nationalpark).

Reisetipps: Für Nordostindien-Neulinge empfiehlt es sich mit einer lokalen Reiseagentur ein

Programm zusammenzustellen und mit einem einheimischen Guide zu reisen.

Weitere Hotspots im Bundesstaat Assam: die Flussinsel Majuli mit ihren 22 hinduistischen Klöstern

und den tanzenden Mönchen, der Kaziranga Nationalpark (seit 1985 UNESCO Weltnaturerbe) und

der Manas Nationalpark an der Grenze zu Bhutan.

Kontakt vor Ort: Expedition North East India in Guwahati. Mr. Pulakesh Talukdar, E-Mail englisch:

ptalukdar01@gmail.com